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Was macht eigentlich Thomas Gellner?

"Ich war einfach eine faule Sau"

Verein 07.04.2021, 12:13

Mit dem FC Augsburg stieg Thomas Gellner 2006 in die 2. Bundesliga auf. Im Stadionkurier spricht der 36-Jährige über seine Zeit in der Hertha-Jugend mit Kevin-Prince Boateng und verrät, warum es für ihn im Profiberich nicht ganz gereicht hat.

Hallo Thomas, wo habe ich dich gerade erreicht?
Ich sitze gemütlich auf meiner Terrasse in Berlin und genieße das herrliche Wetter.

Sauber! Hast du Urlaub?
Mehr oder weniger. Ich gönne mir seit dem zweiten Lockdown eine Auszeit. Ich kann in meinem Job derzeit nicht so wahnsinnig viel machen. Außerdem war ich die letzten zwei Jahre beruflich ständig auf Achse und hatte nicht so viel Zeit für meine Familie. Letztendlich blieb also alles an meiner Frau hängen und deswegen nehme ich mir diese Zeit gerade sehr gerne, um für meine Familie da zu sein und genieße das wirklich sehr.

Hast du nicht etwas mit Start-Up-Unternehmen und Versicherungs-Apps zu tun?
Ja, das war mal eine Situation, die sich so ergeben hatte. Ich bin ein kreativer Mensch und war eine Zeitlang in dieser Branche tätig. Ich habe eine Versicherungsmakler-Agentur und einen sehr speziellen Kundenkreis. Seit 2017 bin ich zusätzlich noch in der noch Immobilienbranche tätig und im Prinzip in ganz Europa unterwegs gewesen.

"Kevin war schon noch mal eine Klasse für sich, er hat alle überragt."

Du klingst relaxed und zufrieden.
Ich bin sehr zufrieden, was in erster Linie an meiner Familie liegt. Ich habe drei Kinder und eine tolle Frau. Derzeit läuft also alles super.

Dreifacher Vater mit 36, da hast du nicht viel Zeit verstreichen lassen.
Ja, kurz nach dem Ende des Profifußballs habe ich meine Frau kennengelernt und dann ging alles ganz schnell. Ich kenne nicht viele Familien, die in so jungen Jahren drei Kids haben. Für mich ist das ein absolutes Geschenk.

Du stammst aus der Jugend von Hertha BSC. Mit der U19 hast du 2004 den DFB-Pokal gewonnen. Deine Teamkollegen waren damals so klangvolle Namen wie Kevin-Prince Boateng, Patrick Ebert, Ashkan Dejagah oder Cinedu Ede.
Das waren alles echte Granaten. Ohne jetzt die Leistung der anderen Spieler abwerten zu wollen, aber Kevin war schon noch mal eine Klasse für sich, er hat alle überragt. Bei Patrick Ebert war das lange gar nicht absehbar, als ich beim FCA war, hat mich mein Freund Ante Covic angerufen und erzählt, dass der Ebi jetzt durch die Decke geht. Er hat ja einige Jahre für Hertha in der Bundesliga und später für Real Valladolid und Spartak Moskau gespielt.

Das war ja doch eine kleine „Bad Boys“-Clique.
Ja, das waren Jungs, die damals schon für das eine oder andere Skandälchen gesorgt haben. Aber es waren alles unheimlich liebe und gute Typen, mit denen ich mich super verstanden habe.

Verstehe, also harte Schale, weicher Kern?
So ungefähr, wir sind halt Berliner und uns wird eine große Schnauze nachgesagt - zu Recht. (lacht)

Nach deiner Zeit bei den Junioren ging es mit dir weiter bergauf. Erst die U23 bei Hertha und dann mit 19 bist du im Februar 2005 zum Regionalligisten FCA gewechselt. Wie kam dieser Transfer eigentlich zustande?
Eigentlich hatte ich ein Angebot vom 1. FC Nürnberg und war auch fest davon überzeugt, dass ich dort landen würde. Irgendwie kam aber noch ein Training beim FCA auf dem alten Kunstrasen in der Sportanlage Nord zustande. Und dann ging alles ganz schnell, der Vertrag wurde unterzeichnet und schon saß ich im Flieger ins Trainingslager.

"Wenn ich nicht gespielt habe, war ich beleidigt wie ein kleines Kind."

Es war deine erste Station außerhalb Berlins. Wie war das als so junger Typ, fernab der Heimat und ohne Rundum-Service im Hotel Mama?
Dadurch dass alles so schnell ging, hatte ich kaum Zeit, darüber nachzudenken. Ich hatte wirklich großes Glück, dass ich in eine so gut funktionierende Mannschaft gekommen bin, noch dazu waren alle unheimlich nett zu mir und haben es mir superleicht gemacht. Irgendwann war mir dann schon bewusst, dass ich weit weg von Berlin war, aber Augsburg erwies sich für mich als echter Glücksfall. Vielleicht hat es mir die Mannschaft sogar zu einfach gemacht.

Wie darf man das verstehen?
Irgendwie war niemand da, der mich bremsen konnte. Es lief alles und ich war glücklich und zufrieden, ohne dass ich mich wirklich quälen musste. Wie vorhin erwähnt: Pokalsieger, Vizemeister mit der Hertha-Jugend, dann Vertrag bei der U23. Ich galt als großes Talent, jeder hat mir erzählt, wie gut ich sei und dass mir die Zukunft gehören würde. Irgendwann glaubt man das natürlich und es vernebelt einem die Sinne, gerade wenn man jung ist. Ich dachte damals, das würde immer so weitergehen.

Sind es deswegen am Ende nur knapp 20 Spiele für den FCA geworden?
Trainer Hörgl hat mich gefordert, aber wenn ich nicht gespielt habe, war ich beleidigt wie ein kleines Kind. Den größten Fehler macht man leider immer, wenn es gut läuft. Damals hatten wir im Team so gestandene Profis wie Nico Sbordone oder Oliver Schmidt und ich wäre gerne so gewesen, wie sie es waren. Aber heute muss ich in aller Deutlichkeit sagen: Ich war einfach eine faule Sau! Nur Talent reicht einfach nicht.

Eine schonungslose, aber sympathische Selbsterkenntnis! Manche schnallen das ein ganzes Leben lang nicht.
Mir hat die Reife gefehlt, ich suchte die Fehler beim Trainer, beim Wetter, beim Schiedsrichter, beim Gegner, überall, nur nicht bei mir selbst. Nach dem Aufstieg in die 2. Bundesliga bin ich dann zum SV Wehen Wiesbaden gewechselt, in der Hoffnung, dort einen Neustart zu machen. Aber das hat auch nicht funktioniert. Ich bin dann regelrecht nach Berlin geflohen und habe bei meinem alten Jugendverein angeheuert und einige Jahre in der Brandenburg-Liga gespielt. Ich hatte einfach keine Lust mehr auf Profifußball.

Immerhin bist du 2006 mit dem FCA in die 2. Bundesliga aufgestiegen und warst bei einem echten Meilenstein in der Historie des Klubs dabei.
Wir waren unseren Gegnern sowas von überlegen und sind am Ende mit zehn Punkten Vorsprung Meister geworden. Ob du es glaubst oder nicht, ich muss heute noch oft an diese Zeit denken. Nicht nur weil sie schön war, sondern weil ich dadurch viel für mein späteres Leben gelernt habe. Ich habe mal für ein Jahr zum Spaß eine F-Jugend-Mannschaft trainiert. Dagegen war Felix Magath ein Gänseblümchen, ich habe mich gar nicht wiedererkannt. (lacht)

Verfolgst du den FCA heute noch?
Ja, ich weiß immer, wo sie stehen. Und wenn der FCA gegen die Hertha spielt, dann drücke ich die Daumen für Augsburg, das ist jetzt kein Witz! (ws)

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Stadionkurier